Quelle: http://www.teckbote.de/region/lokales/Artikel2057991.cfm

 

Medienrummel in der Einsamkeit 21.02.2009
Tilo Holighaus berichtet über seine Erfahrungen beim Segelflug in Chile und als Grand-Prix-Teilnehmer



Andreas Volz

Kirchheim. Sportlich und geschäftlich gleichermaßen erfolgreich war Tilo Holighaus bei seinem zweiwöchigen Aufenthalt in Chile. Vor allem aber schwärmt er nachträglich von unendlichen Weiten, von unzähligen Bergen und Tälern, die wahrscheinlich noch nie ein Mensch betreten hat. Die Erfahrungen in Chile haben bei Tilo Holighaus den Forschergeist geweckt. Den Vergleich mit dem großen Südamerika-Forscher Alexander von Humboldt lehnt der Kirchheimer natürlich ab, das wäre unpassend. Er folgte aber dennoch einem großen Vorbild – und einem sehr persönlichen Vorbild noch dazu: seinem Vater Klaus. „Er hatte dort schon einmal eine regelrechte Expedition unternommen. Er hat damals die Anden erflogen, und zwar da, wo bisher noch niemand geflogen war. Ich bin x-mal darauf angesprochen worden, was mein Vater dort geleistet hat.“ 

Nach wie vor aber gebe es in den Anden viel zu entdecken, meint Tilo Holighaus: „Ich bin teilweise hundert Kilometer geflogen und habe dabei nicht das geringste Anzeichen von Zivilisation gefunden. Da gibt es noch nicht einmal einen Trampelpfad. Da ist einfach ein Tal, aber es ist nur von irgendwelchen Tieren bewohnt. Diese Einsamkeit liebe ich.“ Auch alpinistisch ist in diesen abgelegenen Gegenden noch viel zu tun. Tilo Holighaus schätzt, dass in den Anden höchstens jeder 20. Gipfel bestiegen ist. Aber weiße Flecken auf der Landkarte gebe es nicht nur für Bergsteiger, sondern auch für Segelflieger. 

Der Kirchheimer Unternehmer und Sportpilot ist sich sicher: „Selbst ich bin jetzt in Gegenden geflogen, wo noch nie ein Mensch gewesen ist.“ Oft habe die Landschaft so unwirtlich ausgesehen, dass es „unberührter“ gar nicht mehr gehe. Viele Gebiete ließen sich ausschließlich mit dem Segelflugzeug erreichen. Für Motorflugzeuge seien die Bergketten der Anden zu hoch, und ein Jet sei viel zu schnell unterwegs, um noch etwas am Boden erkennen zu können. 

Seine großen „Entdeckungsflüge“ konnte Tilo Holighaus vor allem in der ersten Woche machen, als Training und Einstimmung auf den Grand Prix in der zweiten Woche. Der Wettbewerb selbst hatte Start und Ziel in der Hauptstadt Santiago und führte in die Randgebiete der Anden, wo die Berge „nur“ zwischen 1 000 und 3 500 Meter hoch sind. Der Grand Prix war für die Chilenen und für den gesamten Segelflugsport gleichermaßen bedeutend. Tilo Holighaus spricht von einer fliegerischen Aufbruchstimmung in Chile und von einem großen Nachholbedarf: „Auf der Hahnweide gibt es mehr Segelflugzeuge als dort im ganzen Land.“ 

Die Veranstaltung sei perfekt organisiert gewesen, und auch der Medienrummel war für den Kirchheimer ungewohnt: „Es gab fast keine Privatsphäre, wir haben immer in irgendwelche Kameras geschaut.“ Insgesamt habe er während des Grand Prix fünf Fernsehinterviews gegeben. Zur Aufmerksamkeit der Medien trage auch die neue Wettbewerbsform des Grand Prix entscheidend bei: „Dieser Wettbewerb hat extrem einfache und leicht nachvollziehbare Regeln. Alle fliegen zur gleichen Zeit los, und gewonnen hat, wer als erster ins Ziel kommt.“ Die Punkteverteilung orientiert sich an der Formel 1: Der Sieger erhält zehn Punkte, der zweite acht, der dritte sieben und so fort. Ab dem zehnten Platz gibt es keine Punkte mehr. Wer nach dem letzten Wettkampftag die meisten Punkte auf seinem Konto hat, ist der Sieger des Wettbewerbs. In Santiago de Chile hieß der Sieger Uli Schwenk. Tilo Holighaus belegte den zweiten Platz. 

Grand-Prix-Wettbewerbe laufen parallel zu den herkömmlichen Segelflugwettbewerben und haben einen völlig eigenen Charakter. Aber die einfachen Regeln müssen auch für die Zuschauer erlebbar gemacht werden. Was sich irgendwo am Himmel abspielt, lässt sich schließlich nicht so leicht nachvollziehen wie Sport in der Halle. 

In diesem Fall nutzten die Segelflieger die modernste Technik. Über GPS- und Satelliten-Technik wurden die aktuellen Positionen der Wettbewerbsteilnehmer ständig mediengerecht aufbereitet und auf eine Riesenleinwand in der Hauptstadt übertragen. Selbst im fernen Kirchheim haben die Fans das Geschehen im Internet mitverfolgt, wie Tilo Holighaus nach seiner Rückkehr mehrfach erfahren hat: „Auf der Hahnweide haben sie mich gefragt, warum ich an der einen Stelle nicht links geflogen bin. Die sehen das am Bildschirm viel besser als ich im Flugzeug.“ 

Er selbst sieht den Grand Prix als „zukunftsträchtigen Zweig unseres Sports“. Aber er weiß auch, dass dieser Wettbewerb nicht unumstritten ist und dass manch ein Segelflieger den übertriebenen Rummel ablehnt. Als Geschäftsmann aber kann er von einer größeren Medienpräsenz auch stärker profitieren. So freut sich der Schempp-Hirth-Geschäftsführer natürlich, dass die beiden Erstplatzierten jeweils auf einem Ventus 2ax aus Kirchheimer Produktion unterwegs waren und dass sie den „neuen Flieger von der Konkurrenz“ auf den dritten Platz verweisen konnten. 

Wen das alles überhaupt nicht interessiert, das ist der Andenkondor. „Der fühlt sich dem Segelflieger mental überlegen und weicht nicht aus“, hat Tilo Holighaus festgestellt. Und auch die Vulkane in den Anden werden weiterhin unbeeindruckt ihre Rauchwolken ausspucken. Dieser Rauch hatte den Kirchheimer Segelflieger zunächst einmal stark irritiert, weil er ihn keinem herkömmlichen Wolkenschema zuordnen konnte. Letztlich aber hat er sich an die aktiven Vulkane in Chile so schnell gewöhnt wie an die Tatsache, dass die Sonne im Norden steht.